Evangelische Kirche

Evangelische Gemeinde

(Zusammengetragen von Dr. Manfred Halfer†)

Von den Anfängen der Reformation bis zur Kirchenteilung 1706

Reformatorische Ideen waren in Alzey bereits um 1520 verbreitet. Sie sind hauptsächlich mit den Namen der beiden Theologen Thomas Rhynerus und Jakob Albich verknüpft. Kurz darauf um 1530 ist das Oberamt Alzey eines der Zentren der Täuferbewegung. Der Erzbischof von Mainz sowie der Kurfürst der Pfalz gehen rigoros gegen diese Bewegung vor. So werden in Alzey 9 Männer enthauptet und 5 Frauen in der Roßschwemme ertränkt, so wie eine Frau auf dem Scheiterhaufen verbrannt. 1578 werden noch 5 Wiedertäufer in Wahlheim erwähnt. Pfalzgraf Friedrich II (1544-1556) geht auf die religiösen Strömungen im Oberamt ein wie die Kirchenordnung von 1546 zeigt.

Die Durchdringung des Alzeyer Raumes mit reformatorischem Gedankengut zeigt sich vor allem daran, daß niemand mehr bereit, war in einen Orden einzutreten. So erhält Friedrich II. 1551 vom Papst die Genehmigung, sechs leerstehende Klöster einzuziehen. In unserem Raum sind davon betroffen: Das Zisterzienserklöster Weidas bei Dautenheim und das Antoniterhaus in Alzey. Diese Besitzungen wurden der Universität Heidelberg übertragen.

Auf Kurfürst Friedrich II. folgt Ottheinrich (1556-1559). Er führt sofort 1556 eine neue Kirchenordnung mit einer Ehe- und Schulordnung ein. Zugleich beruft er zur Durchführung der Reformation einen Kirchenrat, der Visitationen im Oberamt durchführen soll.

Johannes Marbach führt Visitationen im Land durch; von Alzey berichtet er: Es sei ein "voll nest doller und ungelahrter papistischer pfaffen". Des weiteren erwähnt Marbach "abgöttische  bilder, altartaflen, creutzfahnen und dergleichen papistische  ceremonien" , die vom "gemain pefel" (Pöbel) noch benutzt werden.

Ottheinrich befahl die Abschaffung von Bildern und Altären im Februar 1557 und löst damit einen Bildersturm aus; er gestattete die Religionsfreiheit, was jedoch nicht die Toleranz gegenüber den Katholiken beinhaltete.

In der Folgezeit hat sich die religiöse Zugehörigkeit noch mehrfach geändert: 1577 unter Kurfürst Ludwig VI. (1576-1583) wurde Alzey lutherisch; unter Administrator Pfalzgraf Johann Casimir (1583-1592) – Friedrich IV. (1583-1610) war noch minderjährig- 1584 reformiert und im 30jährigen Krieg 1623 katholisch und 1633 erneut reformiert.

Als das letzte Mitglied des reformierten Hauses Wittelsbach-Simmern Kurfürst Karl (1680-1685) stirbt, geht die Regierung an die Linie Wittelsbach-Neuburg über, die seit 1613 wieder katholisch geworden war. 1685 erließ Kurfürst Philipp Wilhelm (1685-1690) das Religionspatent, worin Lutheraner und Reformierte gleichgestellt werden; 1686 werden auch die Katholiken in diese Maßnahme mit einbezogen. So wird in Alzey 1685 eine lutherische Pfarrei errichtet, zu der auch die lutherischen Gläubigen des Kettenheimer Grundes gehörten. Diese lutherische Gemeinde besteht parallel zur reformatorischen Gemeinde bis 1822.

Nachdem im kurpfälzischen Erbfolgekrieg 1689 die französischen Truppen die pfälzischen Lande verwüstet hatten, versuchte Kurfürst Johann Wilhelm (1690-1716), den katholischen Glauben erneut mit Hilfe französischer Soldaten in der Pfalz einzuführen. 1692 führte die Pfalz das Simultaneum ein: Die drei zugelassenen Religionen (Reformierte, Lutheraner und Katholiken) mußten sich die vorhandenen Gotteshäuser teilen. In Freimersheim wurde es offensichtlich nicht durchgeführt. Dieses Dekret führte zu erheblichen Spannungen unter den Religionsgemeinschaften. Dies betraf vor allen Dingen das Kirchenläuten, die Friedhöfe, Feiertage, Mischehen etc. Die Protagonisten des Streits Preußen und Kurpfalz verständigten sich schließlich in dem Religionstraktat vom 21. November 1705, das dann zur Kirchenteilung von 1706 führte. Die Verhältnisse von 1685 spielten bei der Aufteilung eine entscheidende Rolle. Da die reformierte Kirche von Freimersheim als Filialkirche von Kettenheim angesehen wurde, wurde sie der katholischen Gemeinde übereignet.

1798 wird das linke Rheinufer an Frankreich abgetreten. Die Pfarrgefälle, die bisher zum Unterhalt der Geistlichen und der Gebäude bestimmt waren, werden als feudal angesehen und erlöschen somit. Die Gemeinden mußten nunmehr für deren Unterhalt aufkommen. Die Kommunen waren jedoch damit überfordert, so daß bereits 1805 ein Besoldungswesen für die protestantischen Geistlichen aufgebaut wurde. Danach erhielten alle Geistlichen in Gemeinden mit weniger als 300 Einwohnern 500 Francs Gehalt. Ende des 18. Jahrhunderts hatte der Kettenheimer Pfarrer ein Einkommen von 946 1/6 fl. zuzüglich 10 Klafter Holz. Durch den Wegfall der Pfarrgefälle büßte der Pfarrer 586fl. ein; durch das neue „Staatsgehalt“ wurde der Verlust jedoch wieder weitgehend ausgeglichen.  In diesen Berechnungen ist der Vorteil für kostenloses Wohnen oder die Einkünfte durch die Akzidenzien  nicht berücksichtigt.

Als 1816 Rheinhessen an das Großherzogtum Hessen fiel, existierten in Rheinhessen 52 lutherische und 53 reformierte Gemeinden. Die evangelische Kirchenorganisation in Rheinhessen wurde als unbefriedigend angesehen. Daher ergriffen neun Pfarrer durch ein Rundschreiben die Initiative, die Trennung der Protestanten in Lutheraner und Reformierte zu beseitigen. Das Rundschreiben war ein voller Erfolg; nur acht Pfarrer versagten diesem Projekt ihrer Zustimmung. Unter diesen war auch der Kettenheimer Pfarrer Becker. Diese Bemühungen führten dann schließlich zur Vereinte[n] evangelisch-protestantischen Kirche in Rheinhessen .

Wahlheim und Kettenheim waren ursprünglich Filialorte des Pfarrsitzes Ergersheim. Die Ergersheimer sowie die Wahlheimer Kirche waren zerfallen; die Kettenheimer Kirche reichte jedoch nicht für die reformierten Christen des Kettenheimer Grundes aus, daher wurde die Erweiterung des Kettenheimer Gotteshauses gegen Ende des 16. Jahrhunderts betrieben.

Freimersheim hat bis zur Einführung der Reformation unter Ottheinrich offensichtlich keine eigenen Pfarrer besessen; es scheint, daß es bis etwa 1570 von dem Kettenheimer Pfarrer Georg Infans und seinem Kollegen dem Kettenheimer Diakon Justus Sartorius mitversorgt wurde.   Ab 1572 lassen sich dann Freimersheimer reformierte Pfarrer nachweisen.

1626 erfolgte die Einführung des katholischen Bekenntnisses und der reformierte Pfarrer Johannes Eusing wird abgesetzt; Freimersheim bleibt jetzt katholisch bis in die Schwedenzeit (1633).

Nach dem 30 jährigen Krieg wird die Pfarrstelle, ebenso wie die von Esselborn vom Kettenheimer Pfarrer mitverwaltet. Die Verbindung mit Kettenheim wurde im Laufe der Zeit so eng, daß Freimersheim als Filiale angesehen wurde. 1824 wurden die in Freimersheim wohnenden Mitglieder der reformierten Pfarrei Kettenheim als Angehörige der neugebildeten protestantischen Kirchengemeinde Freimersheim Glieder der evangelischen Pfarrei Kettenheim.

Die Kollatur der Pfarrei Freimersheim stand Anfang des 16.Jahrhunderts dem Stift zum heiligen Geist in Heidelberg zu. Sie ging später auf den Kurfürsten von der Pfalz über.

Vom Neubau der evangelischen Kirche bis in die Gegenwart

Die reformierte evangelische Gemeinde mußte nach den Vereinbarungen der Kirchenteilung von 1706 die bisher genutzte Kirche an die katholische Gemeinde übergeben. Daher wurde 1724 eine neue reformierte Kirche neben dem alten Rathaus errichtet. Die Baupflicht an der nach der Kirchenteilung errichteten reformierten Kirche in Ortsmitte, oblag der Reformierten Kirchengemeinde  Freimersheim. So heißt es 1765:

Die Kirche zu Freimersheim samt Schulhaus, Thurm und Geläuth muß die Gemeinde, weilen sie in der Kirchenteilung durchgefallen sind, bauen und unterhalten.

Kurz darauf finden wir den Hinweis:

Die reformierte Kirch, so von dero Gemeind auferbauet und deren Unterhaltung ihnen selbst  obliege; oder  eine reformierte Filialkirch, worauf ein Kuppelthurn, so dero Gemeind alleinig zustehet.

Mit der Einführung der Union von reformierter und lutherischer Konfession 1822 ging die Baupflicht nunmehr an die Evangelische Kirchengemeinde Freimersheim über. 1837 berichtet der Kirchenvorstand: "Das onus aedificandi, reparandi oder conservandi an den kirchlichen Gebäuden liegt dem Kirchenfonds ob, insoweit die Einkünfte desselben reichen; das Fehlende wird aus der Gemeindekasse zugeschossen." Ein tatsächlicher Zuschuß der Bürgerlichen Gemeinde ist jedoch nie erfolgt, da er von der evangelischen Zivilgemeinde abgelehnt wurde. Eine 130 kg schwere Glocke wird im Kirchturm installiert; sie wurde 1755 von Franz Speck in Heidelberg gegossen.

Renovierungen

Die erste größere Renovierung erfolgte 1856. Ein steinerner Altar wurde 1865 zum Preis von 66 Gulden eingebaut. Der alte Kirchturm wurde 1879 abgerissen und durch einen neuen ersetzt. Dabei kam es zu einem schweren Unfall: Ein Schieferdecker stürzte ab und verstarb bald darauf. 1929 wurde das Gotteshaus erneut renoviert. Eine weitere grundlegende Renovation erfolgte 1964: Das Gotteshaus erhielt einen zur barocken Ausstattung passenden Anstrich. Ein Großteil der Bänke wurde durch neue ersetzt. Die Kirchenbeheizung erfolgt nun über eine elektrische Fußbankheizung. 1970 wird die Stumm-Orgel restauriert.

Orgel

Im kurpfälzischen Oberamt Alzey werden in der Mitte des 18. Jahrhunderts zahlreiche Orgeln der Orgelbauerfamilie Stumm aus Sulzbach (Hunsrück) installiert: Lutherische Kleine Kirche in Alzey (1737), evangelischen Kirche Armsheim (1739), reformierte Nikolaikirche Alzey (um 1740), katholische Kapuziner Kirche (1743) und etwa zeitgleich die beiden kleinen Orgeln der evangelischen Kirche in Bornheim (1766)[33] sowie der evangelischen Kirche Freimersheim (1766).

Unbestreitbar ist die Umgebung von Alzey das Gebiet mit der höchsten Dichte Stumm´scher Orgeln.

Um 1766 wurde die jetzige Orgel erbaut. Nach Disposition, Pfeifengravur und Mensur, wie auch Pfeifenbearbeitung, sind die Familie Stumm die Erbauer. Da die Pfeife C der Flöte 4‘ in Bornheim, erbaut 1766, die Gravur „Freymersheim“ im Deckel zeigt, ist dieses Werk für Freimersheim wohl zur gleichen Zeit in der Werkstatt gewesen.

Die Registerfolge:

  • Principal 4‘ Prospekt
  • Gedackt 8‘ Baß: Holz,
  • Diskant: Metall
  • Flöte 4‘ gedackt M.
  • Quint 3‘ M. 
  • Octav 2‘ M. 
  • Salicional 2‘, rep. in c1 nach 4‘ M. 
  • Mixtur 1‘ 3fach
  • Trompete 8‘ fehlt  
  • Subbaß 16‘

Es handelt sich hier um den charakteristischen Dorforgeltyp, wie er in Rheinhessen in Ensheim, Bornheim u. a. Orten vorhanden ist. Dieser Typ ist der 2. Generation Stummscher Orgeln eigentümlich.

Die Spieleinrichtung ist an der Seite, das Gehäuse in die Brüstung eingebaut. Alles vorhandene Material ist original. Es scheint, daß die Ratten sich gelegentlich im Werk ein Stelldichein gegeben haben.

Das schöne Gehäuse der Freimersheimer Orgel hat dieselbe Gestalt wie in Bornheim, nur die lebendigen Schnitzereien unterscheiden sich in der Gestaltung. Die Disposition, das heißt der Klangaufbau ist in Freimersheim und in Bornheim fast identisch. Ein Unterschied besteht nur bei der Anordnung des Subbaß. In Freimersheim steht er hinten auf der Manuallade, während er in Bornheim auf einer eigenen kleinen Lade hinter dem Werk auf dem Fußboden steht.

1964 wird der alte Blasebalg der Orgel durch einen Motor ersetzt. Bei der letzten Restaurierung durch Orgelbauer Schmidt aus Kaufbeuren wird von der traditionellen Bauweise abgewichen: Anstelle des originalen ,,kurzen“ Pedals kann die Pedalklaviatur gegen eine mit erweitertem Umfang ausgetauscht werden. Die alten Stumm-Orgeln hatten nur einen Pedalumfang von einer Oktave, was damals üblich war. Nach der Restaurierung von 1970 präsentiert sich das Orgelwerk seiner ursprünglichen Klangschönheit.

Evangelische Kirche und Gemeinde - Historischer Abriß

JahrEreignis
1520/30Reformatorische Bewegungen im Oberamt Alzey
1578Wiedertäufer in Wahlheim
1626Einführung des katholischen Bekenntnisses
1633Wiedereinführung des reformatorischen Bekenntnisses
1706Kirchenteilung
1724Ein reformiertes Gotteshaus wird errichtet
1755Das Gotteshaus erhält eine 130 kg schwere Glocke.
1822Kirchenvereinigung
1856Kirche einer Renovierung unterzogen
1865Ein steinerner Altar wird eingebaut
1879Der alte Kirchturm wird abgerissen und neu aufgebaut
1929Kirchenrenovierung
1964Gründliche Renovierung der Kirche
1970Restaurierung Stumm-Orgel